1 Zwischen den Welten

Zurück vom Höllenritt, vom Trip zwischen den Welten. Zurück vom aussichtslos erscheinenden Kampf ums Überleben.

Back in unserer Welt. Ich bin momentan der glücklichste Mensch.

Unter Tränen habe ich ihn angefleht, keinen Scheiß zu machen. Habe sein OP Hemd vollgeheult um 5 Minuten später wieder von den Enkelkindern zu erzählen und wie stolz ich auf ihn wäre. Ich habe sein Unterbewusstsein gedrillt, die Schlacht seines Lebens zu schlagen. Ich versprach Schulter an Schulter an seiner Seite zu stehn und keinen Zentimeter zu weichen.

Er wurde zurückgeholt und langsam aufgeweckt. Es ist ein kleines Wunder. Ich bin unendlich dankbar und glücklich seine leise Stimme zu hören.

Hier ist er wieder! Mutig, völlig erschöpft und sehr schwach!

Er ist der ALTE. Ich fass es nicht! Schwach und dünn. Wenn er die Sauerstoffmaske abnehmen darf stöhnt er wie Sally, als sie Harry im Restaurant den Orgasmus vorspielt. Er flüstert leise in bayrischen Dialekt, dass er hier raus möchte.
Ich stelle fest, dass er aussieht wie "Jabba the Hutt" und lache laut und herzlich. Wie befreiend das ist. Er quittiert meinen Joke mit: Was daran bitte lustig sei! Bäääähm!!!!! Ich ahme Darth Vader nach :" chhhoooooooo, ich bin dein Vater....chhhhoooooooo". Jetzt lächelt er ein wenig.

repost Jabba, der alte Smoker


Anmerkung der Kirschenredaktion:
MEIN Lieblingsmensch is n kleiner Trekkie. Durch ihn wurde ich Kaptain Future und Raumpatrouille Orion Fan (ne, das is kein Porno, also echt!) Wir kennen James Tiberius Kirk und Pille, sind auf DU und DU mit Anakin Skywalker und glauben an die Existenz anderer Galaxien.

Ich bin sicher Scotti, die alte Hütte,  hat ihn während dem Kampf mit dem Koma-Ferengi mit Energie versorgt. Wir kommunizierten in dieser Zeit über unsere steinalten Gedanken-Phaser, die aussehen wie sein Haarfön von 1955, mit dem er sich HEUTE noch die Haare fönt.

Er ist sehr besonders! Die Pfleger sind sichtlich irritiert über unseren Humor, aber ich könnte vor Freude auf dem Nierenkärcher (Dialyse) über die Gänge surfen. Diese Stille auf Station mit lauten Lachen durchbrechen, weil es mir oft den Brustkorb zugeschnürt hat.

Wir werden jetzt .....ok, vielleicht nicht gerade mit Warp-Geschwindigkeit, aber mit ordentlichem Tempo, den imperialen Sternenzerstörer hinter uns lassen um die größte Jedisause auf Alderaan zu feiern, die die galaktische Allianz je erlebt hat. Yoda macht die Bloody Mary, zwinker, zwinker....

Seid lieb und respektvoll zu euren Eltern. Es kann im nächsten Augenblick zu spät sein.

Mein Tagesfundstück für heute:
repost
Oh yeaaaah, heute trinke ich IHN

 
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2 Hilferuf direkt ins Herz

"Hallooooo, Halloooo, helfen sie mir, ich habe so Angst!"

Hinter der Schiebewand auf Intensiv liegt Herr Haller und bittet um Hilfe.
Ich versichere ihm überschwänglich, dass ich eine herzliche und willentliche, ausgebildete Helferin bin und ihm sehr gerne behilflich bin.

Er sitzt im Bett, ist an Elektroden angeschlossen und kann seine Arme nicht bewegen und versichert mir panisch, er habe schreckliche Platzangst und vermisse ziemlich doll seine Frau Hilde.
"Oh man, Herr Haller, ich verstehe sie. Ich lenke sie n bisschen ab." Ich versichere, Hilde wäre sicher nix passiert. Seine Tränen verwandeln meine Wut und Angst in Fürsorge.
Ich stehe nun bei Herrn Haller, bis mich der Pit Bull auf meine Platz zurückpfeift.
Schwups, Kirschenangepisstheit wieder da - rasanter Stimmungsumschwung inner Bude hier.
repost


Wieder allein. "Herr Haller, schau´n sie aus dem Fenster. Sie können ganz weit blicken, sehn sie? So wird die Platzangst besser!"

Herr Haller weint. Hilde fehlt, Platzangst und er möchte nicht zurück ins Pflegeheim. Das wäre wie im Ghetto, erzählt er traurig.
99 von 100 Personen schweigen immer. Um sieben müssen die ins Bett. Es wäre so schrecklich da.

In meinem Kopf spiele ich in Gedanken die Befreiungsaktion "Operation angemessener Lebensabend" der Pflegeheimbewohner in der badischen Metropole durch. Ich fahre schwarz gekleidet den Flucht-Flexibus mit allen Bewohnern Richtung Cote d`azur. Im Bus gröhlen die erleichterten Alten Lieder von Freddy Quinn und Hans Albers.
Jeder Mensch in meinem Bus hat ne Menge erlebt. Schreckliche Schicksalsschläge und wundervolle, glückliche Zeiten. Sie haben Kinder auf die Welt gebracht und denen den Rücken freigehalten und auf die Enkel aufgepasst. Sie haben Bausparverträge gefüllt, auf Urlaube verzichtet um Ausbildungen zu bezahlen. Sie haben gepflegt, waren fleißig und haben ihr Leben gelebt.
Waldorf und Stadler

Hilde ist gekommen und die Angst weicht der Erleichterung. Herr Haller bedankt sich bei mir, dass ich ihn abgelenkt habe und mit ihm gesprochen habe. "Nicht dafür, Herr Haller, bitte nicht dafür".
Er muss zurück ins "Ghetto". Seine Metastasen wüten in seinen Rippen und verursachen seine Schmerzen". Er verlässt die Intensivstation. Wir lächeln uns noch freundlich zu.

Ich werde umschulen. Ich werde Reiseleiterin für den letzten Lebensabschnitt. Ich fahre meine lustigen Alten zu Rollstuhlsommerrodelbahnen über die Alpen; mit der Pflegebettensauschwänzlebahn durch die illustre Bergwelt der Schweiz.

""""""Herzlich Willkommen auf dieser wundervollen Reise Richtung Finales-Lebensdrittel-Ponderosa. Ängste werfen wir jetzt alle bei 3 aus den Panoramafenstern. Das 5 Sterne Menü wird ihnen heute von Alfons Schuhbeck kredenzt. Rauchen sie, wenn sie wollen, gerne auch fette Zigarren. Eierlikör für die Damen wird umgehend ausgeschenkt. Anrufe von ihren Kindern, die sie zusammenscheißen, was sie sich dabei denken, reichen sie bitte direkt nach vorn zu mir durch.
Ich wünsche ihnen allen von Herzen eine atemberaubende Reise und stehe ihnen gerne für jegliche Fragen zur Verfügung"""""""

Tschüss, Herr Haller, ich wünsche ihnen alles Liebe, zwinker, zwinker ;-)

Mein Tagesfundstück widme ich Herrn Haller:
das muss manchmal auch mal sein


Anmerkung meinerseits:

Herr Haller heißt selbstverständlich nicht Herr Haller sondern Herr Schmid, Müller, Hermann, Reiser, Leopold oder so ähnlich.........




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2 the real life of Schicksal

Sind Männer die einfühlsameren Frauen oder Frauen einfach nur unsensible Besenbereiterinnen?

Wer Greys Anatomy kennt, der kennt sich in der Medizin aus. Schöne, ehrgeizige, talentierte, auf Leben retten gepolte "Götter in Weiß" züchten Ohrläppchen im Labor und finden nebenbei noch Zeit wilden Sex in Gemeinschaftsräumen zu praktizieren.
Kaum Zeit zu Essen, weil Leben retten oberste Priorität hat. Orgasmen um das Gehirn mit dem nötigen Adrenalin zu versorgen, sind völlig ausreichend um bedrohliche Situationen zu entschärfen und aussichtslose Krankengeschichten per Brainstorming in tägliche Wunder zu verwandeln.

The real life of Intensivstation hat nichts damit zu tun, um es zu präzisieren.....die Intensivpädagogik, Fachgebiet "Mensch sein, Mensch bleiben" lässt auch in renommierten, deutschen Krankenhäuser zu wünschen übrig.

Man betrachte das Klientel auf Intensivstationen. Es gibt schwerstkranke Patienten, deren Angehörige und es gibt das Personal, aufgeteilt in Männlein und Weiblein.
Ich bin neugierige, panische Angehörige. Jeden Tag verbringe ich Stunden auf Station und höre Beatmungsmaschinen zu, ich google Fachbegriffe, Arzneimittelnamen, ich beobachte Vitalfunktionen auf Displayanzeigen, leide mit, bin wütend und habe eine scheiss Angst.
ohne Worte

Wäre ich ein Kind, hätte ich jetzt die volle Aufmerksamkeit verdient, um ein späteres Trauma zu vermeiden. Doch beschissenerweise bin ich ein Kind, zwar ein großes Kind, doch ich bin SEIN Kind.
Meine Lebenstraumatas stehen gut aufbewahrt in meiner Hau-drauf-Zentralablage. Da ist auch nicht mehr viel Platz dazwischen.

Also nochmal deutlicher:
Ich hätte gepflegt kein Interesse mehr daran, diese Kapitel zu ergänzen.

Nun sitze ich aber hier und hoffe, dass Herr Schicksal, der Drecksack, irgendwann vor Frust von der Brücke springt, um flussaufwärts mit den Ungerechtigkeits-Lachsen von den Sirenen versklavt und gehirngewaschen wird. Ich kann den hier so gar nicht mehr ertragen.

Nun zurück zum Personal.
2 Geschlechter, die unterschiedlicher nicht sein können. Hatte ich schon erwähnt, dass ich grundsätzlich ALLES wissen möchte und auch ALLES frage?
Antworten erhalten ich ebenfalls in unterschiedlicher Weise. Die weiblichen Krankenversorger sind oft menstruierend zickig, genervt, unsensibel, ungeduldig und stumm.
Die Männlichen hingegen sehr freundlich zugewandt, sprechen mit den Patienten, erläutern bereitwillig Werte, beantworten meine umfangreichen Fragen, berichten von eigenen Erfahrungen mit Komapatienten und nehmen intensiv Anteil.
Es gibt natürlich im Intensivzirkus auch nette Schwestern, die sind aber leider in der Unterzahl.
so isses

WARUM zum Geier ist das so? Ist die Menstruation der Schlüssel zu allem Übel? Sollten Frauen lieber Papier bearbeiten, weil sie ja zum kochen auch nicht wirklich taugen, betrachte man die Anzahl der männlichen Sterneköche.

Ich bin so angespannt. Meine Augen rüsten auf zum Giftpfeilabschuss. Ich habe Hoffnungen und Erwartungen. Mein Körper schmerzt von der Anspannung. Ich will die bestmögliche Versorgung meines Angehörigen und meiner Seele. Dieser Lieblingsmensch hat mir Radfahren beigebracht, mit mir Kastanien gesammelt. mich über 16jährige Jungs aufgeklärt, die 95% des Tages nicht mit dem Kopf denken können. Er war immer zur Stelle, wenn ich Nachts abgeholt werden musste. Er hat über meinen ersten Rausch hinweggelächelt. Er war immer da, IMMER. Als ich ihn vor Jahren anrief, um eine riesige Monstergrille aus meiner Toilette zu entfernen, ließ er den Rasenmäher stehen und setzte sich sofort ins Auto. Er fuhr 30km, um den plötzlich geschrumpften Grashüpfer die Freiheit wieder zu geben.

Wenn hier die Schicht zu Ende ist, geht das Personal nach Hause, schaut sich Greys Anatomy an und klugscheissert über Begrifflichkeiten und Kantinenfrass.
Ich gehe nach Hause mit der Angst im Nacken, schlafe neben 2 Telefonen, kann mich nicht auf die Handlung von Greys Anatomy konzentrieren und muss mich ans Essen erinnern.

Ich bin Morgen wieder da, sitze Stunden neben seinem Bett, berühre, massiere und erzähle. Was ich aber Morgen nicht kann, ist dafür zu garantieren ob die Giftpfeilabschusseinrichtung zu kontrollieren ist, denn Mensch sein, bedeutet menschlich zu handeln. Ich werde heute nicht zwinkern, aus Angst die Pfeile könnten unkontrolliert die Falschen treffen.

Bleibt GESUND!!!!!


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